Fünf vor Zwölf für die Rosskastanie ?

Die Rosskastanie (Aesculus) prägt das Hamburger Stadtbild seit Jahrhunderten als Solitär- und Alleebaum. Aktuell sind es 6.153 Straßenbäume. Auf Grün- und Privatflächen sind bisher weitere 2.300 Einzelbäume kartiert worden. Unter den neun hier wachsenden Arten machen A. hippocastanum und A. carnea zahlenmäßig den Löwenanteil aus. Hervorzuheben ist der besonders hohe Anteil an Altbäumen, rund 1.150 Rosskastanien sind 100 Jahre oder älter.
Für Deutschland wurde Pseudomonas erstmalig 2007 in Hamburg nachgewiesen. Die sich aus der Infektion mit dem Bakterium Pseudomonas syringae pv. aesculi entwickelnde Komplexerkrankung aller Arten der Rosskastanie hat gravierende Folgen für die Vitalität und Verkehrssicherheit der Bäume. Seit 2013 müssen in Hamburg mit stark ansteigender Tendenz Rosskastanie aufgrund der Komplexerkrankung gefällt werden.

Aesculus absterbend quer 500x333.jpgSymptomatik: Charakteristische Anzeichen im Kronenbereich sind schütteres Laub und absterbende Äste, wobei anfänglich nur einzelne Äste betroffen sind, sowie Nekrosen und Läsionen an Trieben und Blattstielen. Punktförmige, rostbraune Leckstellen bzw. Ausflussflecken im Kronenbereich und am Stamm sowie Längsrisse in der Rinde sind ebenso typische Anzeichen für eine Infektion (WERRES UND WAGNER 2015). Im weiteren Verlauf sterben Kronenpartien befallener Rosskastanien, großflächige Rindenpartien oder ganze Bäume ab und stellen eine Gefahr für den öffentlichen Raum dar. Die Komplexerkrankung nimmt wegen der beteiligten holzzerstörenden Pilzen oft einen sehr schnellen Verlauf, wobei sich die Pilzfruchtkörper erst in den Wintermonaten zeigen.

Monitoringkonzept: Mit Blick auf die Verkehrssicherheit ermöglicht eine engmaschige Beobachtung rasches Handeln und senkt das Risiko für die Stadt. In Hamburg ist das Monitoring mit einer Reihe weiterer Ziele verbunden und soll dabei einen Brückenschlag zwischen aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und der Umsetzung in die tägliche Praxis ermöglichen.

  • Ein Schwerpunkt des Monitorings ist die Analyse zur Verbreitungsdynamik der Erkrankung. Grundlage dafür bildet die zeitliche Dokumentation aus der Historienfunktion des Baumkatasters.
  • Als weiteres Ziel war zu klären, wie verlässlich visuelle Einschätzungen für die Diagnose sind, sodass nur bei Unsicherheit zum Pathogenverdacht eine Labordiagnostik erforderlich würde.
  • Zudem konnte die in den vergangenen Jahren mit umfangreichen Verletzungen verbundene Probenahmemethode soweit optimiert werden, dass sie mit geringstem und oberflächennah entnommenen Gewebeproben auskommt.

Wie schon im Rahmen des Hamburger Ulmenprogramms ist das Monitoring ein fester Bestandteil auch des Hamburger Kastanienprogramms geworden und ergänzt die Regelkontrollen der bezirklichen Baumkontrolleure.

Das Rosskastanien-Monitoring wurde als Forschungsvorhaben der Behörde für Umwelt und Energie in Zusammenarbeit mit der Universität Hamburg, dem Pflanzenschutzamt und den Bezirksdienststellen ausgeweitet und umfasst auch Laboranalytik und die exakte Diagnostik.


Grafik Faell Pflanz bis2017Im Rosskastanien-Monitoring befinden sich inzwischen fast 600 Rosskastanien, die mit der Pseudomoas-Rindenkrankheit assoziiert werden. Die Anzahl der Verdachtsbäume und Totalausfälle nehmen in Hamburg stetig zu. Vorrangig Fällungen aufgrund der Komplexkrankheit sind 2017 deutlich angestiegen und auch die aktuelle Prognose für den Winter 2018/19 hat sich mit dreistelligen Fällzahlen bestätigt. Die einheitliche systematische Einstufung der Befallsentwicklung im Baumkataster wurde 2018 im Rahmen der dritten Reihenuntersuchung an einem größeren Stichprobenumfang getestet. Das Einstufungssystem ist an die Arbeit von FISCHER (2014) angelehnt und wird aktuell in die Praxis umgesetzt. Ein mögliches Überleben von Rosskastanien und die Beobachtung der zeitlichen Abläufe der Erkrankung, in den unterschiedlichen Reifephasen, erfolgt in Hamburg über einen großen Stichprobenumfang. Weitere Pathogene wie Phytopthtora spp. oder die Verticillium-Welke sind ebenfalls Gegenstand des Rosskastanien-Monitorings, aber spielen in Hamburg eher eine untergeordnete Rolle.

Aesculus absterbend hoch 350x544Von den rund 1.050 Bäumen, die P. syringae pv. aesculi zugeordnet sind, wurden bisher rund 460 Rosskastanien aus Gründen der Verkehrssicherheit gefällt. 2012 hatte sich das Krankheitsbild verändert und mit dem Einwirken unterschiedlicher Sekundärerreger erhöhte sich auch der Kontrollaufwand in der Baumkontrolle (GASIER et al. 2013). Besonders die Rotblühenden Rosskastanien mit ehemals 1.600 Exemplaren, wurden in Hamburg stark dezimiert. Vor den Fällungen im Winter 2018/19 wurden bereits rund 315 Rotblühende Rosskastanien gefällt und die Zahlen steigen aktuell. Bei der Weißblühenden Rosskastanie sind es  deutlich mehr Verdachtsbäume, aber es wurden seit 2013 lediglich 150 Bäume dieser Art aufgrund von Symptomen der Komplexkrankheit gefällt. Neben den direkten Folgen für die Bestandszahlen aufgrund von Fällungen und ausbleibenden Neupflanzungen von Rosskastanien ist in Hamburg auch der Aufwand für die Baumkontrolle gestiegen, denn verdächtige Bäume müssen im belaubten Zustand und im Winter kontrolliert werden, um Pilzfruchtkörper zu erkennen. Die Hamburger Untersuchungen unterstreichen zudem einen fließenden Übergang der Bakteriose zur Komplexerkrankung, was im Rahmen von Baumkontrollen nur schwer zu erkennen ist. Der Befallszeitpunkt der nachfolgenden Pilze variiert stark und kann Jahre nach der Bakteriose liegen. So liegen Labornachweise von Pseudomonas an Bäumen vor, die bis heute viele Jahre ohne Pilzbefall überlebt haben.

Zudem treten erkrankte und gesunde beziehungsweise symptomfreie Bäume an gleichen Straßenstandorten nebeneinander auf. Deshalb sehen wir frühzeitiges oder sogar vorbeugendes Fällen solange als problematisch an, bis die möglichen Zusammenhänge zum Beispiel mit der genetischen Disposition, aber auch der unterschiedliche Krankheitsverlauf bei Rot- und Weißblühenden Rosskastanien genauer geklärt sind. Damit erhalten wir uns die Chance, vorhandene Potenziale der Bäume, die eine Erkrankung zu überleben, herauszufinden.


Die nachfolgende Karte zeigt die räumliche Analyse zur Verbreitung der Pseudomonas-Rindenkrankheit anhand der aktuellen Verdachtsbäume und der bisher gefällten kranken Rosskastanien. Die Karte ist keine Momentaufnahme der aktuellen Situation, sondern zeigt sämtliche Rosskastanienstandorte, die seit 2007 der Pseudomonas-Rindenkrankheit zugeordnet werden. An einer Vielzahl dieser Standorte führte die Symptomatik der Komplexkrankheit bereits zu Fällungen. Die räumliche Analyse ist keine exakte Darstellung der Realität, bildet diese nur angenähert ab und ist, wie bei Modellen üblich, eine idealisierende Abstraktion der Realität, die von den Merkmalen der Attribute abhängt (Böhner 2011).

Karte Verbreitung Pae HH 866x612

Einige Standorte sind oder waren besonders betroffen. Die Berechnung der Punktdichte hebt diese Standorte mit einem hohen Befallsdruck (rot) hervor. Einige HotSpots, wie die Grünanlage Am Johannisland in Harburg, befinden sich nicht mehr im Monitoring, weil dort Ende 2017 die letzten Rosskastanien gefällt wurden. Fast 90 Rosskastanien, die 2007 gepflanzt wurden, mussten in den vergangenen Jahren gefällt werden. Nordwestlich der Alster, um die kulturhistorisch wertvolle Grünfläche Moorweide, ist der Befallsdruck erhöht. Hier steht vornehmlich ein Altbaumbestand mit weißblühenden Rosskastanien. 2018 kam es dort zu den ersten größeren Ausfällen und sechs Bäume mit eindeutigen Symptomen der Komplexkrankheit wurden gefällt, aber ein Großteil der dort vorkommenden Rosskastanien ist bisher nicht erkrankt.

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